Interview mit Markus Penell

Herr Penell, welchen Part übernehmen Ortner & Ortner bei der Planung des neuen Alexander Towers und was ist Ihre Aufgabe dabei?

Als Büro sind wir schlicht die planenden und entwerfenden Architekten. Ich selber betreue, zusammen mit meinem Partner Florian Matzker, das Projekt. Es hilft, bei großen Projekten im Team zu arbeiten, weil man sich durch den Austausch gegenseitig anregt.

Als Geschäftsführer des Berliner Büros von Ortner & Ortner Baukunst, nicht zuletzt auch wegen Ihres Studiums, sind Sie schon sehr lange in Berlin. Die Pläne sind nicht gänzlich neu. Haben Sie den Gestaltungsprozess rund um den Alexanderplatz schon lange verfolgt?

Da haben Sie recht, den Masterplan gibt es schon lange. Gerade verschiebt sich aber auch einiges und vielleicht war ein Generationenwechsel nötig, um neue Blickwinkel zu schaffen. Vielleicht brauchte es diese 20 Jahre, um nun der Umsetzung einen entscheidenden Schritt näher zu kommen. Zudem bringen Investoren, wie in unserem Fall das russische Unternehmen MonArch, wieder neue Einflüsse mit in das Unterfangen.

Sowohl Herr Matzker als auch ich kennen Herrn Kollhoff, von dem der ursprüngliche und auch der überarbeitete Plan zur Umgestaltung des Platzes stammen, gut und persönlich. Wir waren 2002 in den Wettbewerb zur Shoppingmall und das angeschlossene Hochhaus involviert und haben mit unserem Entwurf gewonnen.

Hat sich denn der Entwurf des Turmes zu dem im ursprünglichen Wettbewerbsplan des Alexa-Grundstücks stark verändert?

Er ist nicht ganz gleich geblieben. Der ursprüngliche Entwurf sah eine Art Doppelturm auf einem Sockel vor. Die Doppelturmstruktur ist ein Kniff, um ein Gebäude schlanker erscheinen zu lassen. Es entstand aber der Eindruck, als gäbe es eine Vorder- und eine Rückseite. Es ist sehr ungewiss, wie sich das Umfeld des Platzes entwickelt, da wollten wir den Alexanderplatz nicht zwingend als „Vorderseite“ definieren. Wir sind dann am Modell spielerisch dazu gekommen, die Drehungen umzusetzen. Damit lehnen wir uns auch an den russischen Konstruktivismus an.

Durch die Drehung wirkt die Krone mal schlank und mal breit. Gleichzeitig macht sie das Gebäude richtungsloser, es gibt keine eindeutigen Seiten mehr.

Beeinflusst ein so prominenter Platz wie der Alex einen Entwurf ? Spielt vielleicht auch die Tatsache, dass sie damit einen Startschuss darstellen, eine Rolle?

Selbstverständlich. Ein wichtiger Teil bei der Entstehung und Planung eines solchen Bauwerkes ist das Bewusstsein, dass man auch eine Verantwortung der Stadt gegenüber hat, nicht nur dem Platz und der direkten Umgebung. Den Turm wird man jetzt erstmal von weithin sehen. Natürlich ist es unser Wunsch, dass er da nicht allein bleibt. Letztendlich ist er, bei aller Individualität, immer noch Teil eines Gesamtkonzepts.

Wieviel Gestaltungsspielraum hatten Sie? Inwieweit haben Sie Kollhoffs Pläne beeinflusst?

Letztendlich ist Kollhoffs Masterplan in seiner Grundstruktur verbindlich. Letztlich geht es hier um Fragen einer sozialen, politischen und fachlichen Kompetenz. Es handelt sich um einen öffentlichen Raum, an dem vieles zusammen kommt. In der Planung treffen Bedürfnisse und Wünsche auf Visionen und Vorgaben.

Da braucht es allgemein gültige Absprachen, einen „common sense“, auf dessen Grundlage wir alle gemeinsam an einem Tisch sitzen und dieses Großprojekt angehen. Der Plan sah und sieht in der Regel einen Sockel und ein Hochhaus vor. Es wird ein Block geschaffen, der urbane Räume voneinander trennt. Zum Platz hin steht in der Regel der „Sockel“, das Hochhaus ist nach hinten versetzt. Zwei Nachbarn haben den Bau des Sockels zeitlich vorgezogen, der Turm wird hier später realisiert. Letztendlich könnte man das beim Alexa auch sagen. Ein weiteres verbindliches Kriterium sind die Höhenstufen, insbesondere die maximal zulässige Höhe von 150 Meter. Bei der Gestaltung unseres Turmes haben wir mit den Höhenstufungen entsprechend auf die Umgebung und die Stadtstruktur im Allgemeinen Bezug genommen.

Sie sagen, dass der Alexander Tower Bezug auf die beiden historischen Bauten des Alexanderhauses und des Berolina nimmt. Können Sie dazu kurz etwas sagen?

Die erste Höhenstufe, also die erste Drehung, findet sich im Alexander Tower auf einer Höhe von 30,5 Metern. Damit greifen wir die Höhe des direkt gegenüberliegenden Baus von Peter Behrens - dem Alexanderhaus - auf. Das Berolina hat die selbe Höhe. Zudem ist der Turm an dieser Stelle im Originalplan ohne Block vorgesehen. Das Alexanderhaus dient in diesem Falle als Sockel, wenn auch nur optisch.

Über die erste Höhenstufe hinaus nehmen wir mit der nächsten Drehung, auf 60 Metern Höhe, Bezug zu den klassischen Wohnungsbau-Hochhäusern der Stadt, die in der Regel in dieser Liga spielen. Auch das benachbarte Haus des Lehrers liegt da nur sehr knapp drunter.

Der nächste Schritt liegt dann ungefähr bei 100 Metern, das sind dann Bürobauten wie der Kollhoff- oder der Bahn-Tower am Potsdamer Platz. Mit der Krone erweitern wir dann die Skyline um weitere 50 Meter.

In der Projektbeschreibung thematisieren Sie eine Begegnung zweier avantgardistischer Kulturwelten - den deutschen Rationalismus und den russischen Konstruktivismus. Können Sie das etwas näher beschreiben?

Wir wollten mit unserem Entwurf Bezüge herstellen. Das Berolina und das Alexanderhaus sind Beispiele der klassischen Moderne, gleichzeitig sind sie aber stark auf die Tradition der Berliner Baukultur abgestimmt. Das ist für die konzeptionelle Entwicklung eines Hochhauses - besonders an dieser Stelle - wichtig und muss mit einbezogen werden.

Auf den ersten Blick erscheinen der russische Konstruktivismus und der deutsche Rationalismus in der Architektur vielleicht ähnlich. Der russische Konstruktivismus ist aber deutlich verspielter, er sucht nach Grenzen, testet diese aus. Der deutsche Rationalismus ist viel selbstbeherrschter und sucht eher nach Klarheit. Unser Anspruch war es, beide Einflüsse in einem klaren konzeptionellen Ansatz zu vereinen. Das findet sich zum Beispiel in der Schichtung des Baukörpers wieder. Die durch die Höhenstufen und Drehungen sichtbar separierten Teile sind nicht wie losgelöst aufeinander gestapelt, sondern geschichtet. Es wird immer eine neue Schicht der Stadt hinzugefügt, die sich langsam in die Höhe entwickelt. So lesen sich die Bezüge zur Umgebung subtiler und kontextueller, was den Tower im besten Fall als einen selbstverständlichen Teil der Stadt wahrnehmbar macht.

In den Medien wurde der Alexander Tower anfangs als Bürogebäude bezeichnet. Mittlerweile ist er aber ein großer Schritt in Richtung zentrumsnaher Wohnraumerweiterung, wobei „zentrumsnah“ hier natürlich ganz neu definiert wird.

Der Sockel ist durchaus für die Retail- und Gewerbenutzung vorgesehen. Man will ja nicht wirklich im Erdgeschoss am Alexanderplatz wohnen. Bei der derzeitigen Planung soll aber ab der ersten „Umdrehung“, also ab der siebten Etage, Wohnraum entstehen. Das würde bedeuten, dass dafür noch rund 30 Geschosse zur Verfügung stehen. Mit den Wohnungsgrößen schwankt auch die Anzahl der Wohnungen noch stark, daher können wir dazu noch nicht wirklich etwas sagen.

Aber um dies abschließend zu sagen: das vielfältige und dichte Nebeneinander in dieser Stadt erhält am Alexanderplatz wieder metropole Stimmung.

Das Interview führte Anna Ebert